Erfahrungen und Gedanken aus meinem Lernalltag


Die Gedanken, die Sie hier lesen, sind als buntes Puzzle zu verstehen. Es sind Auszüge aus unzähligen Gesprächen mit Kindern, Jugendlichen, Eltern, Lehrpersonen und Fachleuten. Und es sind Erfahrungen aus meinem Arbeitsalltag.

Vielleicht beantwortet das eine oder andere Thema eine Frage, die Sie gerade beschäftigt.  Das würde mich freuen. Vielleicht tauchen weitere Fragen auf, dann zögern Sie nicht, mir diese zu stellen. In manchen Texten werden Sie durchaus ein Schmunzeln oder Augenzwinkern meinerseits heraushören. Weil ich finde, Menschen und Situationen ernst zu nehmen, schliesst Humor und Glück nicht aus.

Ich wünsche Ihnen viel Spass beim Lesen.

Herzlich
Anita Ganzoni

Das ABC des Lernens in Zeiten des Coronavirus – es folgt E

Der Buchstabe E inspiriert zu folgenden Gedanken: Erzählen, Erinnern, Empathie, aber auch zu Exekutivfunktionen.

Eine Fülle an Möglichkeiten ergeben sich durch den gebräuchlichen Buchstaben E. Einige unterstützen den Lernprozess:

E wie

• Erzählung
Die Form des Erzählens hat etwas Ursprüngliches, sie hat jede Kultur geprägt hat. Familiengeschichten, Erfahrungen, Wissen und Weltgeschichte wurden von Generation zu Generation weitergegeben. Natürlich wurden sie auch ausgeschmückt und individualisiert, der Erzählende nutzt (bewusst oder unbewusst) den Gestaltungsraum, der darin liegt.

Eine meiner Lieblingsgeschichten handelt von einem Elefanten. Sie geht der Frage nach, weshalb sich der grosse, starke Zirkuselefant - lediglich an einen kleinen Pflock gekettet - nicht befreit. Weshalb nutzt er nicht sein Gewicht, seine Grösse und seine Kraft, um sich loszureissen und sich seine Freiheit zurückzuerobern? Die Antwort liegt auf der Hand: Weil er es von klein auf so gelernt hat, das erlebte Gefühl der Ohnmacht prägt ihn bis heute und lässt ihn ausharren. Wie kann man als Heranwachsender Zugang zu seiner Kraft finden und Ketten sprengen? Es ist eine Erzählung, die jeder für sich schreiben muss, meist ein Leben lang.

Viele Jugendliche tun sich schwer mit Erzählungen oder Aufsätzen. Sie scheuen sich davor, aus Angst, Fehler zu machen. Sie befürchten, ihre Gedanken könnten nicht spannend sein, die Formulierungen ungenau.

Es lohnt sich, dazu ein paar Regeln zu befolgen:
- Sei mutig, wage es, kreativ zu sein, lass deinen Gedanken freien Lauf.
- Beginne rasch und spontan mit einem Entwurf, korrigieren und ergänzen kannst du später.
- Mach dir Gedanken darüber, ob deine Geschichte eher komisch oder dramatisch sein soll.
- Konzentriere dich auf wenige Personen und versuch dich, in diese hineinzuversetzen. Was bewegt sie? Was charakterisiert sie? Wovon träumen sie?
- Starte mit einer klaren Situation, dann darfst du deine Figuren in herausfordernde Situationen bringen. Lass sie lachen, lieben, leiden, nach Lösungen suchen.
- Die höchste Spannung kommt kurz vor dem Schluss, gib der Geschichte eine überraschende Wendung.
- Setze die Zeitformen bewusst ein, entscheide dich für die Gegenwart oder die Vergangenheit. Auch Gedanken in der Zukunft sind interessant.
- Achte auf die Satzanfänge, gestalte sie abwechslungsreich. Das Aufsatz-Rad zu Satzanfängen von sofatutor.com ist sehr empfehlenswert.

Empathie
Empathie gehört zu den sozialen Kompetenzen und beschreibt das Einfühlungsvermögen in das, was andere fühlen. Empathie muss in der Kindheit entwickelt werden, sie ist nicht (nur) genetisch angelegt. Das Kind lernt vor allem aus seiner Umgebung: Durch Nachahmung und Interpretation von Gesichtsausdrücken und Körpersprache.

Neurologen sprechen heute von den Spiegelneuronen, die bei der Zuordnung mentaler Botschaften wichtig sind. Empathie wird also einerseits im Austausch mit anderen Menschen erlernt, ein Defizit an Spiegelneuronen kann aber auch genetische Ursachen haben. Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass das Lesen die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, fördert. Lesen ist also nicht nur Sprachförderung, es macht uns auch empathisch!

Exekutivfunktionen
Unsere zentrale Exekutive funktioniert als Überwachungs- und Aufmerksamkeitssystem und greift auf seine Ressourcen aus dem Gedächtnis zurück. Es bedient sich aus allem, was in unserem Langzeitgedächtnis abgespeichert ist und bestimmt damit unser Handeln. Bilder, Skizzen, Vorstellungen, Gehörtes, zeitliche Abläufe werden abgespeichert und können vom Arbeitsgedächtnis für komplexe Aufgaben abgerufen werden. Durch bewusste Aufmerksamkeit und Konzentration beim Lernen, Arbeiten, Spielen oder im Sport können wir unsere Exekutivfunktionen trainieren. Geht es um bestimmte Abläufe, das Fokussieren, Ziele setzen, Aktivitäten steuern und kontrollieren sowie die Koordination all dieser Einzelschritte, so sind die Exekutivfunktionen dafür verantwortlich.

Einmal mehr: Spielen fördert fast alles, was unser Gehirn braucht! Ganz besonders mit einem (oder mehreren) Gegenüber, denn da müssen wir unsere Impulse kontrollieren, unsere Handlungen planen, unser Gegenüber im Auge behalten, eine Strategie entwickeln….

Erinnern
Forscher haben herausgefunden, dass wir kürzlich eingeprägte Dinge besser ins Gedächtnis rufen können, wenn wir uns rückwärts bewegen. Dies gilt ebenso, wenn wir uns die Rückwärtsbewegung lediglich vorstellen. Es scheint, dass unser Gedächtnis Erinnerungen räumlich ordnet und ablegt.

Entspannung
Wir sind zu einer Gesellschaft geworden, die vor lauter Entspannung teilweise Stress produziert. Meine persönliche Erfahrung ist, dass es weniger darauf ankommt, was ich mache, sondern eher, unter welchen Umständen ich es praktiziere. Also was war vorher, was kommt nachher, wie viel Zeit kann ich dafür aufwenden. Hier sind wir wohl mehr gefordert, in all den Möglichkeiten unsere persönliche Insel und unseren Fokus zu finden.