Erfahrungen und Gedanken aus meinem Lernalltag


Die Gedanken, die Sie hier lesen, sind als buntes Puzzle zu verstehen. Es sind Auszüge aus unzähligen Gesprächen mit Kindern, Jugendlichen, Eltern, Lehrpersonen und Fachleuten. Und es sind Erfahrungen aus meinem Arbeitsalltag.

Vielleicht beantwortet das eine oder andere Thema eine Frage, die Sie gerade beschäftigt.  Das würde mich freuen. Vielleicht tauchen weitere Fragen auf, dann zögern Sie nicht, mir diese zu stellen. In manchen Texten werden Sie durchaus ein Schmunzeln oder Augenzwinkern meinerseits heraushören. Weil ich finde, Menschen und Situationen ernst zu nehmen, schliesst Humor und Glück nicht aus.

Ich wünsche Ihnen viel Spass beim Lesen.

Herzlich
Anita Ganzoni

Das ABC des Lernens: Mit Interesse schafft man vieles!

Interessiert es Sie, was das ABC des Lernens für den Buchstaben I und J hervorgebracht hat? Dann lesen Sie hier weiter.

Die Zusammenfassung dieses Blogs könnte in etwa so lauten: Jugendliche wie Erwachsene können innovativ sein, wenn sie sich auf Unsicherheiten einlassen, Interesse zeigen und auch mal einen Joker ziehen, wenn sie nicht mehr weiterwissen.

I wie

• Irritation
Die Evolution liess die Menschheit den Wert der Sicherheit als Überlebensstrategie schätzen. «Etwas nicht zu wissen, hiess sterben», schreibt Beau Lotto in seinem Buch Anders sehen. Andererseits fand Fortschritt und Entwicklung immer nur dann statt, wenn Unsicherheit (Nichtwissen) überwunden werden konnte. Das Zweifeln an der aktuellen Situation war und ist der Motor, um Neues zu entdecken. Irritation zulassen heisst, die bequeme Zone des vermeintlichen Wissens zu verlassen und neue oder andere Fragen zu formulieren. Statt vorgefasste Meinungen zu verteidigen, sollten wir uns als Forscher und Forscherinnen wahrnehmen, die den Gestaltungsraum in unserem Alltag nutzen.

Wer es schafft, sich auf Unsicherheit einzulassen, schafft für sich die Bereitschaft zu lernen. Die Haltung des Nichtwissens aktiviert unsere Neugier, indem wir gut zuhören, beobachten, ausprobieren und analysieren. Hier nähern wir uns dem nächsten Thema.

• Innovation
Innovation kann im Kleinen wie auch im Grossen geschehen. Jeder kann für sich innovativ sein, indem er nicht in Routinen verfällt, alte Muster wiederholt oder vorgefasste Meinungen verfestigt. Ein wunderbares Labor kann die Küche, der Garten oder eben das Lernen voneinander und miteinander sein. Denn Kreativität ist die treue Begleiterin der Innovation.

Beau Lotto nennt in seinem Buch 5 Prinzipien, auf denen innovative Errungenschaften beruhen (abgekürzte, leicht veränderte Formulierung):

1. Dankbar sein für Ungewissheit: Diese aus der Perspektive des Gewinns, nicht des Verlustes betrachten.
2. Offen sein für Möglichkeiten: Verschiedene Erfahrungen machen und suchen, Veränderungen annehmen.
3. Kooperieren: Die Diversität und Kompetenzen einer Gruppe schätzen und deren Möglichkeiten erweitern.
4. Einer inneren Motivation folgen: Den Lohn für das Kreativsein, die Beharrlichkeit und das Überwinden von Widerständen erkennen.
5. Absichtsvoll handeln: Wissen, was man tut, und zwar stets aus der Perspektive des Warums.

Er vergleicht diese Prinzipien mit der Tätigkeit des Spielens: Die Fähigkeit, ein Problem, eine Situation oder einen Konflikt spielerisch anzugehen.

Übergänge sind immer von Irritation und Zweifeln begleitet, es ist ein Merkmal der Pubertät. Aber nicht nur Jugendliche müssen Zeiten der Unsicherheit oder der Übergänge meistern. Wie schnell können auch wir Erwachsene aus dem Gleis geworfen oder zumindest stark durchgerüttelt werden. Wenn wir es schaffen, Unsicherheiten zu akzeptieren und auszuhalten, neue Fragen zu stellen und alte Antworten loszulassen, können wir den Jugendlichen vielleicht für einen Teil ihres Suchens ein Vorbild sein.

• Interesse
«Es interessiert mich nicht.» «Was nützt mich das Wissen über Konjunktionen und Präpositionen?» «Weshalb muss ich Französisch lernen, wenn ich Maurer werden will?» Die Liste wäre lang, wollte ich all die Vermeidungs- und Ablehnungssätze fortsetzen, mit denen junge Lernende ihre Beziehung zum Schulstoff beschreiben. Natürlich gibt es auch die neugierigen, interessierten und begeisterten Jugendlichen, die mehr über das Thema wissen wollen und sich faszinieren lassen – selbst von Konjunktionen.
Die Frage ist: Wer hat am Schluss mehr Erfolg, Zufriedenheit oder gar Erfüllung? Wir wissen es nicht, genauso wie wir nicht wissen können, was die Jugendlichen in ihrem Berufsleben wirklich brauchen. Heute weniger denn je. Fest steht: Sich dem Gegebenen zu widersetzen, braucht auf jeden Fall Mut. Es kann aber auch Bequemlichkeit sein, denn, wenn es mich nicht interessiert, muss ich ja nichts dafür tun. Was sollen wir den jungen Menschen also antworten?

Ich glaube, auch hier sind die fünf beschriebenen Punkte zum Thema innovative Errungenschaften hilfreich. Sie stehen für Offenheit, Grenzen überwinden, bewusstes Handeln, Unangenehmes als Chance zu sehen sowie Teil eines kreativen Teams zu sein.

J wie

• Joker
Den Begriff Joker verbinde ich mit Narrenfreiheit; er ist bunt, lustig und überall verwendbar. Der Joker erlaubt mir, eine Karte zu ziehen, wenn ich nicht weiterweiss, Hilfe, Entlastung oder eine ganz andere Lösung brauche. Er ist die Ausnahme, auf die ich zugreife, wenn es brenzlig wird. Er erlaubt mir das Gesicht zu wahren, wenn ich überfordert bin. So möchte ich Sie ermutigen: Seien auch Sie ab und zu ein Joker für jemanden. Oder nehmen Sie einen Joker (Hilfe) in Anspruch. Wir müssen nicht jederzeit alles können und beherrschen. Sie haben mich durchschaut? Ja, stimmt . Ich habe gerade meinen Joker für den Buchstaben J eingelöst. Ich kann auch für X und Y noch nichts garantieren.

Blog 21 ABC des Lernens Buchstabe J