Erfahrungen und Gedanken aus meinem Lernalltag


Die Gedanken, die Sie hier lesen, sind als buntes Puzzle zu verstehen. Es sind Auszüge aus unzähligen Gesprächen mit Kindern, Jugendlichen, Eltern, Lehrpersonen und Fachleuten. Und es sind Erfahrungen aus meinem Arbeitsalltag.

Vielleicht beantwortet das eine oder andere Thema eine Frage, die Sie gerade beschäftigt.  Das würde mich freuen. Vielleicht tauchen weitere Fragen auf, dann zögern Sie nicht, mir diese zu stellen. In manchen Texten werden Sie durchaus ein Schmunzeln oder Augenzwinkern meinerseits heraushören. Weil ich finde, Menschen und Situationen ernst zu nehmen, schliesst Humor und Glück nicht aus.

Ich wünsche Ihnen viel Spass beim Lesen.

Herzlich
Anita Ganzoni

Das ABC des Lernens: L wie Lernen. Logisch, oder?

Wie können Lernprozesse erfahrbar gemacht werden? Wie kann man das Lernen steuern, bewerten, erweitern und festhalten? Wie kann man Wissen abrufen? Hier ein paar Antworten.

Bei meinem eigenen Lernprozess bin ich auf den Hirnforscher Henning Beck und sein Buch DAS NEUE Lernen heisst Verstehen gestossen. Zentral darin ist seine Aussage: «Nur wer Zusammenhänge versteht und darüber nachdenkt, kann dauerhaftes Wissen aufbauen.»

So einfach das klingt, so anspruchsvoll ist es: Nur das Verstandene steht uns längerfristig als Wissen zur Verfügung und dient als Basis für weitere Lernschritte. Gelingt dem Jugendlichen dieser Prozess, beginnt er sich zu öffnen, sich zu interessieren. Er nimmt eine Körperhaltung ein, die Selbstbewusstsein ausstrahlt. Leider wird auch das Gegenteil schnell sichtbar: Fühlt sich der Jugendliche überfordert, drücken Mimik und Haltung Ablehnung, Hilflosigkeit oder gar Frustration aus.

Viele Lernende versuchen mit dem Auswendiglernen, die nächste Prüfung zu überstehen. Das mag kurzfristig erfolgreich sein, baut aber weder Wissen noch Verständnis auf, und schon gar nicht die Fähigkeit zu denken. Spätestens bei der nächsten Prüfung fehlt die Basis, das Grundverständnis. Entsprechend gilt es, den Lernprozess anders anzugehen.

L wie

• Lernprozess
Es braucht zunächst ein paar Grundvoraussetzungen, damit er gelingt.

• Raum: Ein passender Arbeitsort und Zeit (Planung)
• Haltung: Die Bereitschaft, sich mit dem Stoff auseinanderzusetzen
• Material: Papier, Karteikarten, bunte Stifte, effizienter Umgang mit Medien
• Ressourcen: Wen kann ich fragen, wer unterstützt mich bei Bedarf?
• Verarbeitung: Im Gedächtnis abspeichern, Lernpausen
• Kritische Selbstüberprüfung: Habe ich es verstanden? Kann ich es formulieren?
• Erholung: Sport, Musik, Freunde, Familie, genügend Schlaf

Jede neue Information löst bei den Nervenzellen einen Lernprozess aus, mindestens für wenige Sekunden. Aufmerksamkeitsprozesse entscheiden dabei, welche Inhalte als wichtig bewertet werden und ins Arbeitsgedächtnis (Dauer einige Minuten) gelangen. Dort findet auch das eigentliche Denken statt. Für den Wissensaufbau braucht es aber meist Wiederholungen, bewusstes Einprägen und die Botschaft: Es ist wichtig. Das Arbeitsgedächtnis hat Zugriff auf das Langzeitgedächtnis (Dauer von einigen Tagen bis zu Jahren) und kann so neue und bereits gespeicherte Informationen miteinander verknüpfen. Das Arbeitsgedächtnis entscheidet auch, was wieder vergessen werden kann. Henning Beck formuliert es so: «Gutes Lernen besteht aus dem Gleichgewicht zwischen einer stabilen Erinnerung und cleverem Vergessen.» 

Wir können aber nicht permanent Reize verarbeiten, das Abspeichern braucht informationsfreie Zeit. Genügend Schlaf unterstützt diesen Prozess nach dem Lernen, ja sogar währenddessen. Man darf zwischendurch also gerne ein Nickerchen machen, denn die Bedeutung von medienfreier Zeit und genügend Schlaf ist für das Lernen enorm.

Aktives Lernen bedeutet zudem, sich mit dem Inhalt auseinanderzusetzen, Fragen zu stellen und das neue Wissen immer wieder anzuwenden. Folgende Schritte können diesen Weg unterstützen:

1. Den neuen Stoff anfangs in kleinen Mengen häufig wiederholen.
2. Zusammenfassungen von Hand und in eigenen Worten schreiben! Das Tempo unseres Denkens entspricht dieser Informationsverarbeitung, zusätzlich gibt es motorische Impulse an unser Gehirn.
3. Wichtiges herausstreichen, Informationen verankern und in Schlüsselwörtern festhalten. Eselsbrücken und Memotechniken können dabei unterstützen.
4. Prüfungen können einen positiven Effekt haben: Sich immer wieder selbst testen!
5. Am Tag vor der Prüfung intensiv die Lerninhalte wiederholen, aber Achtung: Nichts Neues lernen! Und genügend Schlaf einberechnen.

Zu guter Letzt bitte nicht vergessen: L wie Lächeln!

Ein (echtes) Lächeln entspannt und sendet positive Signale an unsere Muskulatur wie auch an unser Gehirn. Es macht uns offen und aufnahmefähig. Schaffen wir es, in dieser Haltung unseren Anforderungen zu begegnen, können Interesse und Neugier entstehen. Sitzen wir hingegen missmutig und ablehnend vor unserer Aufgabe, wird sich kaum etwas entwickeln können, das uns Lernenden guttut und uns weiterbringt. Dasselbe gilt für die Begleitpersonen. Wir sollten Neuem mit einem Lächeln begegnen und die Lernenden wohlwollend (motivierend) unterstützen.