Erfahrungen und Gedanken aus meinem Lernalltag


Die Gedanken, die Sie hier lesen, sind als buntes Puzzle zu verstehen. Es sind Auszüge aus unzähligen Gesprächen mit Kindern, Jugendlichen, Eltern, Lehrpersonen und Fachleuten. Und es sind Erfahrungen aus meinem Arbeitsalltag.

Vielleicht beantwortet das eine oder andere Thema eine Frage, die Sie gerade beschäftigt.  Das würde mich freuen. Vielleicht tauchen weitere Fragen auf, dann zögern Sie nicht, mir diese zu stellen. In manchen Texten werden Sie durchaus ein Schmunzeln oder Augenzwinkern meinerseits heraushören. Weil ich finde, Menschen und Situationen ernst zu nehmen, schliesst Humor und Glück nicht aus.

Ich wünsche Ihnen viel Spass beim Lesen.

Herzlich
Anita Ganzoni

Das ABC des Lernens: N wie Nachahmen oder Neugier

Jugendliche sind besonders empfänglich fürs Nachahmen. Positiv wie negativ. Wie man diesem Verhalten am besten begegnet und was wir dabei lernen, erfahren Sie in diesem Blog.

N wie

• Nachahmen
Unser Gehirn ist darauf angelegt, nachzuahmen. Das hält uns aber nicht davon ab, individuelle Gedankengänge und Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Es entsteht das, was wir Persönlichkeit nennen.

Nachahmung ist die Urform des Lernens: Säuglinge lernen unbewusst, was sie bei Erwachsenen und älteren Kindern beobachten: das Gehen, das Sprechen, die Mimik, aber auch Verhaltens-, Reaktions- und Bewältigungsmuster – dank der Spiegelneuronen. Spiegelneuronen sind Nervenzellen im Gehirn, die beim Beobachten anderer Menschen aktiv werden. Sie sind die Grundlage für unsere Fähigkeit des Nachahmens durch das Modelllernen und Imitieren. Sie bestimmen, auf welche Weise die Hirnzellen verdrahtet werden.

Spiegelneuronen beeinflussen unser Verhalten ein Leben lang, und doch sind wir mehr als nur die Klone unserer Umwelt. Durch Erfahrung, Wissen und die Möglichkeit des kritischen Denkens entscheidet der Mensch zunehmend bewusster, was nachahmenswert ist, an welchen Vorbildern er sich orientiert und was eben nicht seinen (derzeitigen) Werten entspricht.

Einige Jugendliche sind ganz besonders empfänglich für Nachahmung. Der Wunsch nach Akzeptanz und Zugehörigkeit unter Gleichaltrigen kann das kritische Denken mancher Teenager ausschalten: Computerspielsucht, der Konsum von Rauschmitteln, destruktives Handeln und Selbstgefährdung können Folgen davon sein. Oft «unterstützt» von Peers. Andere Jugendliche orientieren sich an Vorbildern, die ihnen helfen, Träume und Wünsche zu verwirklichen, ihre Interessen und Möglichkeiten zu verfolgen. Auch sie finden Halt und Orientierung in ihren Peers. Noch viel häufiger ist eine Mischform der beschriebenen Ausrichtungen – das Erwachsenwerden kann eben ganz schön verwirren.

Doch was geschieht mit der Kreativität, wenn uns das Nachahmen scheinbar so nachhaltig prägt? Da gibt es zum Glück die Pubertät, die Bisheriges in Frage stellt, Neues ausprobieren will und eigene Wege finden möchte. Es ist unter anderem dieser Ablöseprozess, der bisherige Vorbilder – so schmerzvoll es ist – für eine gewisse Zeit in die zweite Reihe versetzt, um Raum für das Eigene zu schaffen. Vertrauen und Dasein sollten unbedingt auf der To-do-Liste der Erwachsenen stehen, um suchende Menschen zu begleiten. Und wir sollten ihren Mut würdigen, denn den brauchen sie.

Das Schöne an der Kreativität: Sie kennt kein Alter und verlangt keine Heldentaten. Sie darf scheitern und bringt vielleicht etwas noch Besseres hervor, weil Erfahrung dazu gekommen ist. Sie kann mit einer einfachen Übung wie dem Möglichkeitsraum beginnen, wie in diesem Blog beschrieben.

Blog24 2
• Neugier
Neugier hat viele Verwandte: Interesse, Motivation und Offenheit gehören zur selben Familie (siehe Big Five Blog). Gemeinsam mit Ausdauer und Leidenschaft ist die Neugier der Antriebsfaktor, der uns von der ersten bis zur letzten Sekunde unseres Lebens begleitet und unser Handeln beeinflusst. Geht die Neugier und damit der Mut, Neues auszuprobieren verloren, können sich Frustration, Ängstlichkeit, mangelndes Selbstvertrauen oder Bequemlichkeit (Verdrängen) ausbreiten.

Folgende Rahmenbedingungen fördern die Neugier: Zum Beispiel Haltungen wie Flexibilität, Kreativität, Struktur oder faszinierte Erwachsene. Dann bestehen gute Chancen, dass sich die Neugier immer wieder entfachen lässt.

• Nebenfächer
Nebenfächer… ein Begriff aus der Vergangenheit. Man meinte damit Fächer, die nicht «zählen», die nicht so «wichtig» sind. Im Wissen, dass Kinder und Jugendliche in naher Zukunft einen Grossteil ihrer Schulzeit inklusive Hausaufgaben digital erleben werden, können solche «Nebenfächer» der Boden unter ihren Füssen sein. Erfahrungen wie ein Blatt Papier, Holz, Stoff oder Teig in den Händen zu halten, zu musizieren und sich im Sport spielerisch und fokussiert zu bewegen, erhalten eine neue, grundlegende Bedeutung und machen die Welt sinnlich erlebbar. Sie schulen nebst der Fein- und Grobmotorik, der Planungs-, Handlungs- und Sozialkompetenz auch die Kreativität.

• Notizen
Eine simple, aber wirkungsvolle Technik sind Notizen, um Gehörtes, Gelesenes oder Gedachtes festzuhalten. Wer Notizen macht, ist aktiv, denkt mit, schafft seine eigene Struktur und erkennt Fragen, die noch geklärt werden müssen – und kann sich auch Wochen danach gedanklich schnell wieder ins Thema hineinversetzen.