Erfahrungen und Gedanken aus meinem Lernalltag


Die Gedanken, die Sie hier lesen, sind als buntes Puzzle zu verstehen. Es sind Auszüge aus unzähligen Gesprächen mit Kindern, Jugendlichen, Eltern, Lehrpersonen und Fachleuten. Und es sind Erfahrungen aus meinem Arbeitsalltag.

Vielleicht beantwortet das eine oder andere Thema eine Frage, die Sie gerade beschäftigt.  Das würde mich freuen. Vielleicht tauchen weitere Fragen auf, dann zögern Sie nicht, mir diese zu stellen. In manchen Texten werden Sie durchaus ein Schmunzeln oder Augenzwinkern meinerseits heraushören. Weil ich finde, Menschen und Situationen ernst zu nehmen, schliesst Humor und Glück nicht aus.

Ich wünsche Ihnen viel Spass beim Lesen.

Herzlich
Anita Ganzoni

Das ABC des Lernens: Q – alles andere als eine Qual

Wenn wir mutig neue Denkwege gehen und uns vor Augen führen, dass Irren absolut nützlich ist, um die kreativen Denkprozesse zu fördern, dann scheint das Lernen plötzlich keine Qual mehr zu sein.

Q wie

• Querverbindungen
Unser Gehirn bildet zwei Hirnhälften, die Hemisphären. Sie steuern die jeweils gegenüberliegende Körperseite: Wenn wir rechts schreiben, wird dieser Vorgang von der linken Hirnhälfte gesteuert und umgekehrt. Verbunden werden die beiden Hirnhälften mit etwa 200 Millionen Nervenfasern durch den Balken. Er ist verantwortlich für den Informationsaustausch zwischen den beiden Hemisphären.

Gemäss seiner Funktionen wird das Gehirn heute in 52 Areale eingeteilt, und nicht wie lange angenommen in eine analytische und in eine kreative Gehirnhälfte. Um einen Satz zu bilden, zu verstehen, zu sprechen, zu schreiben und grammatikalisch zu analysieren, werden verschiedene dieser Areale aktiviert, dank der Querverbindungen.

Je nach Selbstbild denken die meisten von uns, dass wir eher der analytische oder der kreative Typ sind. Das bedeutet aber nur, dass wir mit unseren Denkmustern stets ähnliche Wege beschreiten. Diese wiederum sind geprägt von Erfahrungen, Vorbildern, Lehrmitteln und vielen anderen Einflussfaktoren. Wir haben einen viel grösseren Gestaltungsraum, als uns bewusst ist, vorausgesetzt, wir nutzen diese Querverbindungen und sind mutig genug, neue Denkwege zu gehen.

Erste Erfahrungen aus unserer Kindheit bilden das Fundament für unsere bevorzugte Art des Denkens und Handelns. Die Sinnesorgane leiten alle Wahrnehmungen an unser Gehirn weiter. Wie zum Beispiel Mengenbegriffe (tasten, sehen) oder die Bedeutung der Stimmlage (hören, sehen). Geben wir dem Kleinkind zwei Bauklötze in die Hand und bitten es liebevoll, uns eines davon zurückzugeben, werden viele der oben erwähnten Areale aktiviert. Es sind ebendiese Alltagserfahrungen nebst der Vielseitigkeit der Sprache, Mimik und vielen anderen Faktoren, die von Beginn an einen grossen Einfluss auf unsere Denkmuster haben. Später ist es die bewusste Art der Herangehensweise, wie wir ein Problem lösen, welche Form der Fragestellungen wir überhaupt zulassen. Ideal ist, wenn wir über eine grosse Schatztruhe an Strategien verfügen und auch das Undenkbare denken, zumindest spielerisch.

Bewegung ist ein weiterer Faktor, der das Zusammenspiel der Hemisphären positiv unterstützt. Zum einen durch die erhöhte Sauerstoffzufuhr, die wirklich nicht zu unterschätzen ist. Zum anderen durch die Bewegungsabläufe, die über die Körpermitte koordiniert werden müssen. Gerade in Zeiten, in denen Kinder und Jugendliche einen Grossteil des Tages digital verbringen, kommt diesem Wissen eine enorme Bedeutung zu. Sport und Bewegung fördern nicht nur unsere Denkprozesse, sie können auch der sozialen Isolation entgegenwirken, die gerade vielen jungen Menschen zu schaffen macht.

Paul Watzlawick, der bekannte Kommunikationswissenschaftler und Psychotherapeut, hat in seinem Buch «Die Möglichkeit des Andersseins» über neue, überraschende Lösungswege berichtet – wenn auch basierend auf dem damaligen Bild der Hirnforschung. Er unterschied die Sprache in zwei Formen: Die Sprache der Vernunft, Wissenschaft und Erklärung sei eine andere als die der Ganzheit, der Metapher, des Bildes. Diese Sicht scheint mir heute noch bedeutend. Durch seine Arbeitsweise wollte er die (Quer-)Verbindung dieser Formen schaffen. Eine seiner zentralen Fragen der systemisch-lösungsorientierten Therapie, die noch heute angewendet wird, war folgende: Was müssten wir tun, um das Problem zu verschlimmern? Glauben Sie mir, Sie werden mit dieser Frage der Lösung bestimmt einen Schritt näherkommen.

• Quergedanken zum Thema Lernen
Der etwas verrückte Buchstabe Q inspirierte mich zu weiteren Gedanken und führte mich zum Buch des Hirnforschers Henning Beck «Irren ist nützlich!» Darin schreibt er: «Es (das Gehirn) ist ein verträumter Schussel, oft abgelenkt und unkonzentriert, nie zu hundert Prozent verlässlich, es verrechnet sich, irrt ständig und vergisst mehr, als es behält. Kurzum: Es ist ein 1,5 kg schwerer Fehler.»

Weiter erläutert Beck, dass es gerade das Nichtperfekte, das Fehlerhafte sei, das unser Gehirn so einzigartig und erfolgreich mache. Denn genau diese Ungenauigkeiten würden es dem Gehirn erlauben, anpassungsfähig, kreativ und dynamisch zu reagieren. «Wer hingegen immer versucht, möglichst ‚richtig‘ zu denken, bewegt sich auf dem Niveau eines Computers: effizient, präzise und schnell – dafür auch unkreativ, langweilig vorhersehbar.» Er bezeichnet die Kreativität als unsere einzige Ressource, die uns nie ausgehen wird. Einzig Druck könne sie hemmen, denn kreative Denkprozesse bräuchten Zeit und Raum.

Kommen deshalb oft die besten Ideen beim Spazieren im Wald und nicht während wir brütend am Pult sitzen?