Erfahrungen und Gedanken aus meinem Lernalltag


Die Gedanken, die Sie hier lesen, sind als buntes Puzzle zu verstehen. Es sind Auszüge aus unzähligen Gesprächen mit Kindern, Jugendlichen, Eltern, Lehrpersonen und Fachleuten. Und es sind Erfahrungen aus meinem Arbeitsalltag.

Vielleicht beantwortet das eine oder andere Thema eine Frage, die Sie gerade beschäftigt.  Das würde mich freuen. Vielleicht tauchen weitere Fragen auf, dann zögern Sie nicht, mir diese zu stellen. In manchen Texten werden Sie durchaus ein Schmunzeln oder Augenzwinkern meinerseits heraushören. Weil ich finde, Menschen und Situationen ernst zu nehmen, schliesst Humor und Glück nicht aus.

Ich wünsche Ihnen viel Spass beim Lesen.

Herzlich
Anita Ganzoni

Spielen(d) gegen die Sucht

Spielen fördert die persönliche Entwicklung des Kindes. Vielmehr noch: Es bietet sich als unermessliches Lernfeld an und wurde sogar als wirksames Mittel im Kampf gegen Suchtkrankheiten erprobt.

Spielen fördert wichtige Entwicklungsbereiche, etwa die Sprache, Selbstregulation (die eigenen Impulse wahrnehmen und kontrollieren), Fantasie, Problemlösung, Teamfähigkeit, Sozialkompetenz oder die Selbstwirksamkeit. Auch den Umgang mit Konflikten, die Aufmerksamkeit, Konzentration, mathematische Fähigkeiten, logisches Denken. Es kann gar Ängste reduzieren. Gemeint ist das klassische Spiel mit einem Gegenüber oder mehreren, die Interaktion zwischen Menschen.

Spielen ist also ein unermessliches Lernfeld, dem keine Grenzen gesetzt sind. Ob es sich um ein Spiel mit klaren Regeln oder das freie, kreative Spiel handelt, ist egal. Kaum ein Förderprogramm kann diese Entwicklungsbereiche so lustvoll und vielseitig abdecken. Da ist alles dabei: Gewinnen und verlieren, Glück und Strategie, Neubeginn und Durchhalten, Einzelkämpfer und Teamplayer, in Beziehung sein... Sind das nicht Herausforderungen, denen wir ein Leben lang begegnen?

Das Gute ist: Jüngere Kinder müssen wir nicht vom Sinn des Spielens überzeugen. Begeistert sitzen sie uns gegenüber und zeigen vollen Einsatz. Aber wie ist das in der Pubertät? Zugegeben, es wird schwieriger. Der Ablöseprozess, die Suche nach eigenen Wegen, der Einfluss der Peergroup und die Macht der Medien, die sehr genau wissen, wie sie Teenager in ihren Bann ziehen können, vermitteln uns oft ein Gefühl der Ohnmacht. Manchmal scheinen sie uns gar gänzlich abhanden zu kommen.

Einen guten Weg fanden die Isländer, wie man bei übermässigem Suchtmittelkonsum bei Jugendlichen vorgehen kann. Anstoss dazu gab die Tatsache, dass die isländischen Jugendlichen zu den trinkfreudigsten in ganz Europa gehörten. So sahen sich die Verantwortlichen gezwungen, Massnahmen zu ergreifen und entwickelten das Projekt «Jugendliche in Island», das auf drei Pfeilern basiert:

- Der Staat schafft die Gesetzesgrundlagen und spricht Fördergelder für Musik-, Tanz-, Sport-, Kunst- und andere Vereine.

- Teenager und Eltern werden dazu animiert, den grössten Teil ihrer Freizeit mit sinnstiftenden Aktivitäten als Familie oder im Verein zu verbringen. Der nationale Dachverband «Zuhause und Schule» stärkt die Eltern in ihrer Autorität, sie sind auch im Schulrat vertreten. Diejenigen, die unterschreiben, verpflichten sich zum Beispiel, Teenagern keine Party ohne Aufsicht zu erlauben und keinen Alkohol für Minderjährige zu kaufen.

- Alle Jugendlichen nehmen regelmässig an Befragungen teil.

Das war vor 20 Jahren. Der Stand heute: Ob Alkohol, Tabak oder andere Drogen - nirgendwo in Europa ist der Suchtmittelkonsum so tief wie in Island. 2016 betranken sich nur noch 5 Prozent der 15- und 16-Jährigen einmal im Monat, lediglich 3 Prozent rauchten täglich. Die isländischen Teenager gehören inzwischen zu denjenigen mit dem vorbildlichsten Lebensstil gemäss europäischer Statistik.

«Wir erzählten den Kids nichts von einer Behandlung. Stattdessen boten wir ihnen an: Wir bringen euch alles bei, was ihr lernen wollt: Musik, Tanz, HipHop, Malen, Kunst», berichtet Milkman in einem Artikel auf spektrum.de. Es ging darum, sich selbst und das Leben mehr wertzuschätzen und einen besseren Umgang mit anderen zu finden. «Als besonders schützend erwies sich: häufig an Gruppenaktivitäten teilzunehmen, kontinuierlich viel Zeit mit den Eltern zu verbringen, das Gefühl, in der Schule ernst genommen zu werden und sich spätabends nicht mehr auf der Strasse herumzutreiben», führte er in seiner Studie weiter aus. Die isländische Soziologin Inga Dóra Sigfúsdóttir nahm diese Idee auf und erweiterte sie, indem sie alle Kids ansprach, nicht nur Jugendliche mit Suchtproblemen.

Lernen und Spielen sind in meinem Praxisalltag eine wirksame Kombination. Sei es als Muntermacher und Motivationsschub, zur Förderung der Konzentration und Selbstwirksamkeit, als Lernstrategie im Zusammenhang mit dem Gedächtnis und manchmal auch nur zum Spass. Effizient ist auch die Lerntechnik, in der man sein eigenes Memory in Form von Fragen und Antworten als Prüfungsvorbereitung selbst formuliert – frei kombinierbar mit Skizzen und Diagrammen, ideal auch zum vertieften Erlernen von Fremdsprachen.

Tipp: Das Kartenspiel SPEED dauert zwei Minuten, bringt auch müden Lernenden einen Energieschub und ist als Pause wesentlich wirkungsvoller als der Gebrauch von Medien.

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