Erfahrungen und Gedanken aus meinem Lernalltag


Die Gedanken, die Sie hier lesen, sind als buntes Puzzle zu verstehen. Es sind Auszüge aus unzähligen Gesprächen mit Kindern, Jugendlichen, Eltern, Lehrpersonen und Fachleuten. Und es sind Erfahrungen aus meinem Arbeitsalltag.

Vielleicht beantwortet das eine oder andere Thema eine Frage, die Sie gerade beschäftigt.  Das würde mich freuen. Vielleicht tauchen weitere Fragen auf, dann zögern Sie nicht, mir diese zu stellen. In manchen Texten werden Sie durchaus ein Schmunzeln oder Augenzwinkern meinerseits heraushören. Weil ich finde, Menschen und Situationen ernst zu nehmen, schliesst Humor und Glück nicht aus.

Ich wünsche Ihnen viel Spass beim Lesen.

Herzlich
Anita Ganzoni

Der Umbau im Gehirn – wer übernimmt die Bauleitung?

Wir wissen es schon lange, und doch belegt es die Wissenschaft mit neuen Erkenntnissen zunehmend differenzierter: Das Gehirn erlebt in der Pubertät einen massiven Umbau und dieser wirkt sich bei jedem Jugendlichen anders aus. Manchmal verläuft der Umbau nach Plan, manchmal chaotisch.

Nervenzellen und ihre Verbindungen werden nach der Kindheit in der Adoleszenz neu geordnet. Synapsen, die nicht gebraucht werden, verschwinden; solche die im Gebrauch sind, werden gestärkt. Da fragt man sich: Wie lange dauert dieser Prozess. Was geschieht dabei? Wann ist denn unser Gehirn fertig entwickelt? Und was heisst das für das Lernen? Die bekannte Neurowissenschaftlerin Prof. Dr. Sarah-Jayne Blakemore erläutert in ihrem hochinteressanten Buch «Das Teenager-Gehirn», dass das Gehirn seine Entwicklung mit ungefähr 40 Jahren abgeschlossen hat. Es verliert aber nie die Fähigkeit, sich zu verändern (Plastizität) und sich auf neue Reize einzustellen. Lernprozesse finden lebenslang statt. Als Adoleszenz bezeichnet die Autorin das Alter zwischen 12 und 19 Jahren.

Gerne gehe ich auf einige ihrer Erkenntnisse für diese Entwicklungsphase ein, weil ich sie für das Verständnis von Jugendlichen wie auch für das Lernen generell bedeutend finde. Besonders wichtig und neu erscheint mir ihre Erkenntnis, dass sich das logische Denken in der späten Adoleszenz und im Erwachsenenalter sehr gut trainieren und verbessern lässt. Es scheint hier nochmals eine sensible Phase für mathematisches Denken zu geben, die weit mehr kognitive Entwicklung enthält als bisher bekannt war. Das ist interessant, denn, wer kennt sie nicht, die Menschen, die einst Mühe mit dem Einmaleins hatten und irgendwann hochkomplexe Aufgaben lösen? Wer also in der Primar- oder Sekundarschule an seinen mathematischen Fähigkeiten gezweifelt hat, kann dieses Selbstbild durch gezieltes Training korrigieren.

Dr. Blakemore erläutert zudem, wie Arbeitsgedächtnis und Aufmerksamkeit trainiert und verbessert werden können. Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zum Beispiel spielten in einer Studie mehrere Wochen lang Spiele, in denen das Arbeitsgedächtnis gefördert wurde. Die Resultate zeigten eine klare Verbesserung in diesem Bereich. Gehirnjogging oder eine Arbeitsgedächtnis-Trainings-App könnten demnach helfen, diese Bereiche und somit das Lernen allgemein positiv zu unterstützen.

Nebst den lerntechnischen Faktoren gibt es emotionale Aspekte, die die Zeit der Adoleszenz prägen. Die eigene Identität beginnt sich zu entwickeln, dazu gehören auch Gefühle wie Peinlichkeit, Stolz, Scham, Zufriedenheit und Schuld. Gefühlszustände, über die man oft nicht spricht. Viele Jugendliche sind gehemmt, sie beurteilen sich selbst dauernd und denken auch von anderen, dass sie das tun. Ihr Spiegel-Ich (Wie werde ich wahrgenommen?) ist sehr empfindlich, sie vergleichen sich häufig mit anderen. Und sie tun vieles, um einem bestimmten Bild zu entsprechen, oft auch gegen ihre Überzeugung. Sie wollen nur eines: möglichst viel Zeit mit Gleichaltrigen verbringen.

Während der Adoleszenz zeichnet sich bei vielen Jugendlichen auch eine erhöhte Risikobereitschaft ab. Allerdings nur, wenn sie in Begleitung anderer Jugendlicher sind. Das heisst, sie können das Risiko sehr wohl einschätzen, aber das Verhalten und das Dazugehören sind in diesem Moment weit wichtiger als die Vernunft. Ein Risiko einzugehen, ist nicht per se schlecht, im Gegenteil, es erfordert Mut. Für den späteren Lebensweg kann dies eine sehr wichtige Eigenschaft sein, denn starke Entscheidungen erfordern die Fähigkeit, etwas zu wagen.

Leider ist die Adoleszenz auch eine sehr verletzliche Lebensphase. Viele psychische Erkrankungen wie Depressionen, Schizophrenie, Angststörungen, Suchtkrankheiten und Magersucht brechen häufig im Teenageralter aus. Hier erhofft man sich durch die Forschung, besser und früher eingreifen zu können, um die Entwicklung einer Störung abzuwenden. Verletzlichkeit und Stärke gehören aber in diesen Lebensabschnitt. «Die Adoleszenz ist eine Zeit der verstärkten Kreativität und des unkonventionellen Denkens, der Energie und der Leidenschaft», fasst Dr. Blakemore diese bedeutenden Jahre zusammen.

In meiner Arbeit mit den Jugendlichen erlebe ich viele von ihnen beeindruckend reflektiert, kritisch und verantwortungsbewusst – Authentizität und Verlässlichkeit sind ihnen wichtig. Sie setzen sich mit ihrer eigenen Entwicklung und ihrem Umfeld intensiv auseinander. Einige von ihnen können diese zunehmend entstehende Reife ganz selbstverständlich in ihr Leben integrieren, das sich immer mehr durch eine autonome Lebensgestaltung auszeichnet. Hier scheint der Umbau sanft und umsichtig vonstatten zu gehen. Andere mit denselben Werten ziehen alle Register: Sie weigern sich, ihr Potenzial zu nutzen, rebellieren gegen alles, randalieren, sind wütend, kiffen oder kommen mit einem Kater am Montagmorgen in die Schule. Ihr Freundeskreis gibt Anlass zur Sorge. Sie sind verunsichert und voller Angst, ob ihr Image cool genug ist, um von Gleichaltrigen akzeptiert zu sein. Manche von ihnen würden fast alles tun, um «dazuzugehören». Hier droht die Bauleitung im Chaos zu versinken; sie kann gar bis zur Selbstschädigung führen.

Und doch: Niemand weiss, welcher Umbau langfristig zu offenen, hellen und erfüllenden Lebensräumen führen wird. Pubertierende sind voller Überraschungen, oft auch für sich selbst. In dieser Zeit des Umbruchs brauchen sie anteilnehmende Erwachsene in ihrer Nähe. Allerdings nicht in der Rolle des Architekten, der genaue Vorstellungen hat, wie das fertige Projekt aussehen soll. Vielmehr sollten sie ein sicheres, tragfähiges Gerüst bilden, das den Jugendlichen Halt und zugleich Entwicklungsraum gibt. Den typischen Jugendlichen gibt es nicht, grosse individuelle Abweichungen in der Entwicklung sind völlig normal. Deshalb müssen wir jedem Einzelnen neu begegnen, ohne vorgefasste Meinung.

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